Zukunftswelten.

Wissenschaft und Deep Tech als Bausteine unserer Enkelfähigkeit.

Veranstaltungsdatum: 09.05.2026

Stephan Huthmacher

Wir erleben eine Phase, in der sich die Koordinaten unserer Gegenwart spürbar verschieben. Auf der einen Seite verdichten sich geopolitische Risiken, Transformationskosten, demografischer Druck und eine spürbare Verunsicherung – in Unternehmen ebenso wie im gesellschaftlichen Diskurs. Auf der anderen Seite entfaltet sich eine Dynamik wissenschaftlicher und technologischer Durchbrüche, die in Geschwindigkeit und Reichweite historisch ist. Beides ist gleichzeitig wahr – und genau in dieser Gleichzeitigkeit entscheidet sich, wie unsere Zukunftswelten aussehen werden.

„Zukunftswelten“ meint dabei nicht die ferne Science-Fiction. Gemeint sind sehr konkrete Möglichkeitsräume: wie wir künftig arbeiten, produzieren, entscheiden, investieren, lernen und miteinander leben – im Alltag wie in der Strategie. Und damit berührt das Leitmotiv 2026 den Kern dessen, was wir „Enkelfähigkeit“ nennen: die Fähigkeit, heute so zu handeln, dass Entscheidungen auch morgen – und für kommende Generationen – tragfähig bleiben. Enkelfähigkeit ist kein moralischer Zusatz zur Strategie, sondern eine anspruchsvolle Form von Zukunftsfähigkeit: robust, lernfähig, verantwortbar.

Deep Tech und Wissenschaft sind dabei nicht nur Treiber der Veränderung – sie sind auch das Material, aus dem wir Gestaltungskraft gewinnen können. Künstliche Intelligenz steht im Zentrum dieser Entwicklung. Sie ist längst mehr als ein Werkzeug: KI wird zur grundlegenden Infrastruktur und wird für viele Anwendungen zum Betriebssystem einer neuen Wertschöpfung.

Gerade deshalb ist die Richtung nicht vorgegeben. In Unternehmen zeigt sich bereits heute eine Weggabelung: KI kann als schneller Effizienzhebel dienen, der einzelne Abläufe verbessert. Sie kann aber auch der Ausgangspunkt sein, um Produkte, Dienstleistungen und ganze Organisationen neu zu entwerfen – vom Datenfundament über Entscheidungswege bis zur Kultur der Zusammenarbeit. Wer nur punktuell automatisiert, gewinnt Tempo; wer konsequent transformiert, gewinnt neue Spielräume für Innovation, Resilienz und neue Geschäftsmodelle. Andernfalls öffnet sich eine neue Lücke: zwischen Unternehmen, die KI strategisch gestalten, und solchen, die sie nur nutzen.

Die nächste Welle verschiebt den Fokus erneut: Systeme verbinden Sprache, Bilder und Sensorik, werden handlungsfähiger und treten als Agenten auf, die Aufgabenketten planen und ausführen. Zugleich zieht Intelligenz in den physischen Raum ein – in Fertigung, Logistik und Robotik. Damit entstehen Anwendungen, in denen KI nicht nur Inhalte erzeugt, sondern reale Abläufe steuert und mitgestaltet. Für einen Industriestandort wie Deutschland ist das eine Chance, industrielle Stärke mit digitaler Intelligenz zu verbinden – und Wertschöpfung produktiver, flexibler und resilienter zu machen.

Enkelfähigkeit ist kein moralischer Zusatz zur Strategie, sondern eine anspruchsvolle Form von Zukunftsfähigkeit.

Diese Entwicklung verändert die Arbeitswelt tiefgreifend. Tätigkeiten, die lange als eindeutig menschlich galten – von Texten über Code bis zur Diagnoseunterstützung – werden neu verteilt. Arbeit zerlegt sich in Aufgaben; Rollen und Expertise werden neu organisiert; neue Berufsbilder entstehen. Für Führung bedeutet das: weniger Optimierung am Rand, mehr Neugestaltung im Kern. Entscheidend werden Kompetenzaufbau, klare Verantwortlichkeiten, Qualitäts- und Risikomanagement sowie die Fähigkeit, Mensch und KI so zu orchestrieren, dass Entscheidungen besser, schneller und verantwortbarer werden.

Zugleich rückt eine zweite Dimension in den Vordergrund: KI formt nicht nur Prozesse, sondern auch Wahrnehmung. Systeme erkennen Muster in Kommunikation und Verhalten – oft subtiler, als wir es im Alltag bemerken. Daraus entstehen mächtige Hebel für Einfluss, neue Geschäftsmodelle und – allzu leicht – neue Abhängigkeiten. Enkelfähige Zukunftswelten erfordern deshalb mehr als Regeln auf dem Papier. Sie verlangen KI, die Werte praktisch unterstützt: durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Systeme, die sich am Menschen orientieren und moralische Abwägungen nicht umgehen, sondern erleichtern. So wird Verantwortung zum Wettbewerbsvorteil – und Vertrauen zur produktiven Ressource.

Damit berühren wir die letzte, oft unterschätzte Dimension der Enkelfähigkeit: Institutionen. Je mehr wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Systeme den Alltag prägen, desto entscheidender wird, wie Institutionen Evidenz und Expertise aufnehmen, Unsicherheit verarbeiten und in handlungsfähige Entscheidungen übersetzen. Und wie wechselseitiges Verständnis in einer offenen Gesellschaft gelingt – gerade dann, wenn Polarisierung und Misstrauen zunehmen. Demokratie, Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft sind nicht bloß Kulisse des technologischen Fortschritts; sie sind seine Bedingung. Enkelfähige Zukunftswelten entstehen dort, wo wissenschaftliche Rationalität, unternehmerischer Mut und institutionelle Integrität zusammenwirken – und wo Innovation die Freiheit stärkt, statt sie zu unterminieren.

Die Petersberger Gespräche 2026 laden dazu ein, Deep Tech nicht allein als technologische Herausforderung zu begreifen, sondern als Frage von Führung, Institutionen und Kultur. Im Zentrum steht die Frage, wie wir die Voraussetzungen schaffen, damit die neue Generation von KI‑Systemen in ihrer ersten breiten Implementierungswelle zu handlungsfähigem Wissen, nachhaltiger Wertschöpfung und größerer Resilienz führt – statt nur kurzfristig Optimierung, Fragmentierung oder gar Vertrauensverlust zu verstärken.

Entscheidend ist dabei: Wie nutzen wir diese neue KI‑Welle so, dass Produktivität und Innovationskraft wachsen – und zugleich Vertrauen, Stabilität und gesellschaftlicher  Zusammenhalt gestärkt werden? Und wie gelingt es insgesamt, wissenschaftliche Durchbrüche und technologische Dynamik in wirtschaftliche Stärke zu übersetzen – auf eine Weise, die auch für kommende Generationen tragfähig bleibt?

Ich wünsche uns sehr, dass die Petersberger Gespräche 2026 dazu Orientierung geben: durch klare Einordnung, durch inspirierende Vorträge, durch offene Diskussionen – und durch den Mut, Zukunft als Gestaltungsauftrag zu erleben.